Abstecher ins Leseland DDR

FlaggeDDR

„Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten – dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit“ -1984-

Bücher. In unserer Welt für viele ein Fremdwort. In Zeiten des Smartphones, Tablets und Kindls nehmen immer weniger Lesebegeisterte weltweit ein Buch in die Hand, geschweige denn lesen dieses. Immer mehr rückt das gute alte Buch ins Abseits. Doch das war nicht immer so. Es gab einen Zeitraum, in dem die Deutschen jedes Buch, was sie bekommen konnten, verschlangen. Zu Zeiten der DDR, also vor 1990, herrschte eine chronische Bücherknappheit, hervorgerufen durch das Regime, welches Bücher zensierte und deren Auflage limitierte. Daraus resultierend war die Nachfrage an Büchern entsprechend hoch, vor allem an Büchern, die das Regime verboten hatte.
    Dieses Thema interessierte besonders die 12. Klassen, als sie die Veranstaltung „Leseland DDR“ am 14. Februar in der ehemaligen Haftanstalt der Staatssicherheit am Domplatz besuchten. Ausgerichtet wurde diese von der Friedrich- Ebert- Stiftung Thüringen. Angeführt von Herrn Mroß und Frau Wallrodt begann die etwas andere Art der Lehrveranstaltung pünktlich um 10 Uhr mit einem Vortrag zum Leseland durch Prof. Dr. Lokatis, der seit 2006 an der Universität Leipzig „Neuere Geschichte“ lehrt. Er vermittelte den Schülern die wichtigsten Verlage und Bücher in der DDR. Darunter beispielsweise auch der Reclam-Verlag, der bis heute erfolgreich „im Geschäft“ ist. Nach etwa 30 Minuten der informativen Aufnahmephase begann der tiefere Einstieg in die Materie.
    Dies geschah mit Hilfe des Zeitzeugen Baldur Haase, der für das Lesen des Romans „1984“ von George Orwell in das Gefängnis kam, und  das, wie sich aber erst später herausstellte, weil die Staatssicherheit der DDR ihn durch geschickte Manipulation dazu gebracht hatte. Herr Haase berichtete von seinem Leben in der DDR und den Einschränkungen, mit denen er nach seinem Gefängnisaufenthalt hatte leben müssen. Auch die Beschimpfungen als „Hetzer“ und „Staatsgefährdender“ ließ er nicht aus und vermittelte dadurch das Bild eines Ausgestoßenen der DDR-Gesellschaft. Damit auch andere Sinne als das Hören angesprochen wurden, konnten alle Auditoren nun die tragische Geschichte des Zeitzeugen auch noch in filmischer Präsentation verarbeiten.
    Nun begannen die zwei Experten für Zeitgeschichte DDR und das Buchwesen in der DDR sowie der Zeitzeuge unter Moderation von Carsten Schneider vom Radio F.R.E.I. eine angeregte Diskussion rund um das Thema „Lesen in der DDR“, wobei kein Aspekt ausgelassen wurde. Das Publikum griff durch gezielte Fragestellungen in die Diskussion ein und konnte kritisch argumentieren.  So wurde beispielsweise der Verschluss von Akten aus dem III. Reich sowie der Umgang mit systemkritischen Büchern genau beleuchtet. Die zentrale Frage, ob Gedanken strafbar sein können, wurde am Beispiel von Herrn Haase diskutiert.
    Nach etwa anderthalb Stunden, noch viel zu früh, war dann die Veranstaltung  schon vorüber und die 12. Klassen begannen sich nachdenklich in Richtung Schule zurückzubegeben. Alle voll und ganz mit der Verarbeitung dieser einzigartigen und besonderen Veranstaltung, die nur die Schüler des KLGs besuchen durften, beschäftigt. Im Gepäck war ebenso die Biographie von Herrn Haase, ein besonderes Geschenk, welches bei Herrn Kornmann ausgeliehen werden kann.

Florian Funke
23.04.2013